Kapitel 9/12 – Was Verantwortung kostet…

Neun Monate sind vorbei. Und dieser September hat mir eine Frage gestellt, die in keinem Lebenslauf auftaucht:

Was kostet Verantwortung eigentlich?

Der Monat war geprägt von Dienstreisen, einem Lehrgang an der NATO School, Konferenzen und Gesprächen. Vieles davon war erfolgreich. Bei nahezu jeder Station sind wir einen erheblichen Schritt vorangekommen. Das ist natürlich befriedigend, gerade dann, wenn man erlebt, dass aus Gesprächen Entscheidungen und aus Vorhaben konkrete Fortschritte werden.

Auch ehrenamtlich ging es weiter. In der Gesellschaft für Sicherheitspolitik haben wir uns mit einem Thema beschäftigt, das historische Prägungen mit erstaunlich aktuellen Debatten verbindet. Und selbst mein sportliches Jahresziel ist wieder ein gutes Stück näher gerückt.

Eigentlich also ein erfolgreicher Monat.

Eigentlich.

Denn Verantwortung hat eine Seite, über die wir erstaunlich selten sprechen. Wer sich für eine Sache entscheidet, entscheidet sich manchmal gleichzeitig gegen etwas anderes. Und gelegentlich tragen den Preis dafür ausgerechnet die Menschen, die einem am wichtigsten sind.

Genau deshalb fällt mein Rückblick auf diesen September etwas anders aus.

Meine Erfolge des neunten Kapitels 2026

Beruflich / Dienstlich

Der September war beruflich und dienstlich einer jener Monate, in denen ich gefühlt mehr Zeit unterwegs als am eigenen Schreibtisch verbracht habe. Mehrere Dienstreisen, Konferenzen, Besprechungen und ein Lehrgang an der NATO School haben den Kalender bestimmt. Das klingt zunächst nach einer Aneinanderreihung von Terminen. Entscheidend ist für mich aber etwas anderes: Bei nahezu jeder dieser Stationen sind wir in der Sache einen erheblichen Schritt vorangekommen. Denn am Ende sollte sich der Wert eines vollen Kalenders nicht daran bemessen, wie viele Termine darin stehen, sondern daran, was nach diesen Terminen anders ist als vorher.

Besonders wertvoll war für mich erneut die Zeit an der NATO School. In einem internationalen Umfeld zu lernen und zu arbeiten, zwingt einen immer wieder dazu, die eigene Perspektive zu überprüfen. Andere Streitkräfte, andere Erfahrungen und teilweise auch andere Herangehensweisen treffen dort unmittelbar aufeinander. Wer über Jahre Verantwortung übernimmt, darf irgendwann nicht glauben, die eigene Erfahrung ersetze weiteres Lernen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Je größer die Verantwortung wird, desto wichtiger wird die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen regelmäßig an neuen Erkenntnissen und den Erfahrungen anderer zu messen. Ähnliches gilt für die Konferenzen und Meetings dieses Monats. Gute Gespräche sind für mich nicht diejenigen, nach denen alle Beteiligten zufrieden auseinandergehen, weil man sich gegenseitig bestätigt hat. Interessant werden sie dort, wo unterschiedliche Erfahrungen und Interessen aufeinandertreffen und trotzdem etwas Gemeinsames daraus entsteht. Manchmal ist der Fortschritt anschließend unmittelbar sichtbar. Manchmal besteht er lediglich darin, dass eine festgefahrene Frage plötzlich aus einer anderen Perspektive betrachtet wird oder zwei Menschen miteinander sprechen, die vorher nebeneinander gearbeitet haben. Gerade in komplexen Organisationen darf man solche vermeintlich kleinen Schritte nicht unterschätzen. Große Veränderungen beginnen erstaunlich häufig mit einem Gespräch, dessen Bedeutung in diesem Moment noch niemand vollständig erkennt.

Der September hat mir deshalb erneut vor Augen geführt, wie wichtig persönliche Begegnungen bleiben. Wir können Informationen digital austauschen, Besprechungen über große Entfernungen durchführen und inzwischen einen beträchtlichen Teil unserer Arbeit erledigen, ohne dafür denselben Raum betreten zu müssen. Vertrauen lässt sich jedoch nur begrenzt digitalisieren. Wer gemeinsam schwierige Entscheidungen treffen, Veränderungen voranbringen oder neue Wege beschreiten will, muss die Menschen auf der anderen Seite kennen und verstehen. Gerade im internationalen Umfeld kommt hinzu, dass Zusammenarbeit nicht allein auf gemeinsamen Strukturen beruht. Sie lebt von der Bereitschaft, unterschiedliche Erfahrungen ernst zu nehmen und trotzdem auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten.

Das alles macht Dienstreisen sinnvoll. Es macht sie aber nicht kostenlos.

Denn während man selbst unterwegs ist, läuft das Leben zu Hause weiter. In diesem Monat wurde mir das auf eine Weise bewusst, die sich nicht mit einem erfolgreichen Termin oder einem guten Ergebnis verrechnen lässt: Ich habe den Geburtstag eines meiner Söhne verpasst. Natürlich gibt es dafür einen sachlichen Grund. Natürlich weiß meine Familie, warum ich unterwegs bin und weshalb mir bestimmte Aufgaben wichtig sind. Und natürlich gehört es in vielen Berufen dazu, gelegentlich dann nicht zu Hause zu sein, wenn man lieber dort wäre. Und es wäre falsch, daraus eine Heldengeschichte über Pflichterfüllung zu machen.

Und dennoch wird mein Sohn nicht noch einmal genau dieses Alter erreichen.

Dieser Gedanke beschäftigt mich mehr als mancher dienstliche Erfolg dieses Monats. Verantwortung gegenüber einer Aufgabe und Verantwortung gegenüber der eigenen Familie lassen sich nicht immer widerspruchsfrei miteinander vereinbaren. Wer behauptet, Beruf, Dienst, Ehrenamt, persönliche Ziele und Familie ließen sich mit genügend Organisation jederzeit harmonisch in Einklang bringen, erzählt aus meiner Sicht nur die halbe Wahrheit. Man kann planen, priorisieren und vieles möglich machen. Aber manchmal bleibt am Ende trotzdem eine Entscheidung, bei der etwas auf der anderen Seite liegen bleibt. Und dann sollte man zumindest ehrlich genug sein, diesen Preis nicht kleinzureden.

Verantwortung besteht nicht darin, sich selbst für das zu feiern, was man leistet. Sie verlangt auch, wahrzunehmen, was andere Menschen tragen, damit diese Leistung überhaupt möglich wird. Hinter vielen beruflichen Erfolgen stehen Partner, Kinder, Familien oder Freunde, die auf gemeinsame Zeit verzichten, Pläne verändern oder schlicht akzeptieren, dass jemand gerade wieder nicht da ist. Diese Menschen tauchen später in keiner Ergebnispräsentation auf. Ihr Anteil ist trotzdem real.

Deshalb nehme ich aus diesem dienstlich ausgesprochen erfolgreichen September nicht nur Zufriedenheit mit. Ich nehme auch eine Erinnerung mit: Verantwortung darf niemals zur bequemen Begründung dafür werden, andere Verantwortungen aus dem Blick zu verlieren. Dienst und beruflicher Erfolg sind wichtig. Die Menschen, für die und mit denen wir unser Leben führen, sind es ebenso. Für mich zeigt sich verantwortliches Handeln gerade darin, diese Spannung nicht schönzureden, sondern sie auszuhalten und die eigene Balance immer wieder neu zu überprüfen.

In Vereinen

Auch mein ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft für Sicherheitspolitik hat mich im September wieder begleitet. Dabei gehörte dieser Monat nicht zu denen, in denen sich Erfolg einfach an einer besonders großen Teilnehmerzahl ablesen ließ. Unser Vortrag zum Thema „Das postkoloniale Narrativ – oder wie die DDR-Propaganda der 60er bis heute unser Weltbild beeinflusst“ hätte durchaus mehr Zuhörer verdient gehabt. Das darf man auch so sagen. Wer Veranstaltungen organisiert, Zeit in Vorbereitung und Kommunikation investiert und einen interessanten Referenten gewinnt, freut sich am Ende natürlich über einen möglichst gut gefüllten Raum. Alles andere wäre unehrlich. Und auch ein herausragender Referent hat solches verdient.

Umso interessanter war der Abend inhaltlich. Der Vortrag eröffnete Perspektiven auf historische Entwicklungen und deren mögliche Nachwirkungen auf heutige gesellschaftliche und politische Debatten. Gerade bei Themen, die unser Verständnis von Geschichte, internationalen Beziehungen und politischen Narrativen berühren, lohnt es sich, vermeintliche Gewissheiten immer wieder zu hinterfragen. Nicht, um eine bestehende Interpretation lediglich durch eine andere zu ersetzen. Sondern um besser zu verstehen, woher bestimmte Sichtweisen stammen, wie sie entstanden sind und weshalb sie teilweise über Jahrzehnte fortwirken können. Politische Bildung sollte aus meiner Sicht genau das leisten: Kontext schafft nicht Haltung, sondern Wissen.

Darin liegt für mich auch ein wesentlicher Wert der Arbeit in der Gesellschaft für Sicherheitspolitik. Wir brauchen Orte, an denen nicht nur diejenigen Positionen zu Wort kommen, die ohnehin gerade Konjunktur haben oder besonders leicht Zustimmung finden. Eine lebendige Debattenkultur entsteht erst dort, wo Menschen bereit sind, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die der eigenen Sicht widersprechen oder einen vertrauten Blickwinkel zumindest infrage stellen. Das bedeutet ausdrücklich nicht, jede These für richtig zu halten. Es bedeutet, zunächst zuzuhören, die Grundlagen zu prüfen und anschließend auf dieser Basis zu einem eigenen Urteil zu kommen. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten häufig innerhalb weniger Sätze in politische Lager sortiert werden, halte ich diese Fähigkeit für unverzichtbar.

Deshalb sind für mich Veranstaltungen wie diese besonders wichtig. Sicherheitspolitische Bildung besteht nicht ausschließlich aus den großen Themen, die ohnehin täglich Schlagzeilen produzieren. Sie muss Zusammenhänge erklären, historische Linien sichtbar machen und gelegentlich Fragen stellen, die sich nicht mit einem schnellen Ja oder Nein beantworten lassen. Das verlangt auch von uns als Veranstaltern, Themen anzubieten, bei denen wir nicht vorher wissen können, ob sie einen Saal füllen. Wer gesellschaftliche Bildung ausschließlich nach Reichweite organisiert, läuft irgendwann Gefahr, nur noch das anzubieten, von dem er bereits weiß, dass es Aufmerksamkeit erzeugt. Ehrenamt bedeutet für mich deshalb auch, solche Abende zu ermöglichen. Räume organisieren, Referenten gewinnen, Veranstaltungen bekannt machen, Gespräche führen und Menschen zusammenbringen. Vieles davon geschieht lange bevor der erste Gast seinen Platz einnimmt. Nicht jede Stunde, die man dafür investiert, wird später sichtbar. Und nicht jede Veranstaltung entwickelt die Resonanz, die man sich gewünscht hätte. Das gehört dazu. Wer sich dauerhaft gesellschaftlich engagiert, muss auch akzeptieren können, dass Wirkung nicht immer unmittelbar messbar ist.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, eine geringere Beteiligung nur mit dem vermeintlich mangelnden Interesse anderer zu erklären. Auch wir müssen uns fragen, wie wir Menschen besser erreichen können, welche Themen sie beschäftigen und über welche Formate wir neue Zielgruppen für sicherheitspolitische Fragen gewinnen können. Ehrenamt braucht Überzeugung, aber es braucht ebenso die Bereitschaft zur Selbstkritik. Wenn ein Angebot weniger Menschen erreicht als erhofft, sollte die erste Reaktion deshalb nicht darin bestehen, dem Publikum Desinteresse vorzuwerfen. Die bessere Frage lautet: Was können wir beim nächsten Mal besser machen?

Genau deshalb bleibt für mich auch dieser Abend ein wertvoller Teil des Septembers. Nicht wegen einer beeindruckenden Zahl auf einer Teilnehmerliste, sondern wegen der intensiven Gespräche, der neuen Perspektiven und der Fragen, die geblieben sind. Gesellschaftliches Engagement besteht eben nicht nur aus den Momenten, in denen ein Saal voll ist. Es zeigt sich ebenso darin, Themen Raum zu geben, von deren Bedeutung man überzeugt ist und anschließend kritisch genug zu sein, die eigene Arbeit weiterzuentwickeln. Denn eine offene Gesellschaft braucht Menschen, die bereit sind, sich mit komplexen Fragen auseinanderzusetzen. Sie braucht aber genauso Menschen, die bereit sind, dafür Räume zu schaffen. Wenn daraus am Ende einige Menschen mit einem neuen Gedanken, einer zusätzlichen Perspektive oder auch nur einer guten Frage nach Hause gehen, war der Abend nicht vergeblich.

Privat

Familie ist für mich dabei kein Gegenpol zu Verantwortung. Sie ist ein wesentlicher Teil davon, vor allem ist sie Motivation. Gerade wenn berufliche und ehrenamtliche Aufgaben viel Raum einnehmen, besteht die Gefahr, Anwesenheit irgendwann hauptsächlich in freien Zeitfenstern zu organisieren. Das funktioniert eine Weile. Auf Dauer darf daraus aber kein Normalzustand werden. Kinder interessieren sich verständlicherweise nur begrenzt dafür, wie wichtig eine Konferenz, ein Lehrgang oder eine Besprechung gewesen ist. Für sie zählt zunächst etwas viel Einfacheres: Ist Papa da?

Das klingt banal. Im Alltag ist es das nicht.

Vielleicht gehört deshalb auch die Erkenntnis zu einem ehrlichen Monatsrückblick, dass Erfolg in unterschiedlichen Lebensbereichen nicht einfach addiert werden kann. Ein dienstlicher Erfolg gleicht keinen verpassten Familienmoment aus. Ebenso wenig macht ein Abend mit der Familie eine berufliche Verpflichtung bedeutungslos. Beides hat seinen eigenen Wert und beides verlangt Zeit. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, immer wieder zu entscheiden, welcher Verantwortung in welchem Moment Vorrang gebührt und anschließend auch mit den Konsequenzen dieser Entscheidung zu leben. Daneben habe ich im September mein sportliches Jahresziel weiterverfolgt. Gerade in einem Monat mit vielen Reisetagen ist das für mich weniger selbstverständlich, als eine nüchterne Kilometerzahl später vermuten lässt. Sport muss dann zwischen Termine, Reisen und den übrigen Alltag passen. Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt dafür und häufig auch keine besondere Motivation. Aber man macht es trotzdem.

Denn die Kilometer sind nur das sichtbare Ergebnis. Interessanter ist das Prinzip dahinter: Ein großes Ziel verliert einen erheblichen Teil seines Schreckens, wenn man aufhört, ständig auf die gesamte Strecke zu schauen. Man muss nicht heute am Ziel ankommen. Man muss heute nur seinen Teil erledigen. Morgen folgt der nächste.

Im September habe ich 544,39 Kilometer durch eigene Muskelkraft zurückgelegt. Insgesamt liegen damit inzwischen 5.023,51 Kilometer hinter mir. Zum Ende September hätten es 4.861,64 Kilometer sein sollen. Damit liege ich derzeit 161,87 Kilometer vor meinem Soll.

Vielen kleine Entscheidungen bestimmen am Ende, ob aus einem Vorsatz tatsächlich etwas wird. Der September war dafür ein gutes Beispiel. Es gab größere dienstliche Fortschritte, interessante Begegnungen und ehrenamtliche Arbeit. Daneben gab es aber auch diese vielen kleinen Kilometer, die kaum jemand wahrnimmt.

Der Grund, weshalb ich diese Rückblicke schreibe ist nicht, zwölfmal im Jahr eine Bilanz möglichst vieler Erfolge zu veröffentlichen, sondern gelegentlich innezuhalten und zu prüfen, ob das, was auf dem Papier nach Fortschritt aussieht, auch mit dem übereinstimmt, was mir eigentlich wichtig ist. Denn am Ende sollte nicht nur die Kilometerzahl stimmen. Die Richtung muss es auch.

Schlussgedanke

Neun Kapitel des Jahres 2026 liegen hinter mir. Der September war erfolgreich. Dienstlich sind wir bei wichtigen Themen vorangekommen, an der NATO School konnte ich lernen und neue Perspektiven mitnehmen, Konferenzen und Gespräche haben Entwicklungen angestoßen oder weitergeführt. In der Gesellschaft für Sicherheitspolitik haben wir einen Abend gestaltet, der vielleicht weniger Menschen erreicht hat, als wir uns gewünscht hätten, dafür aber interessante Fragen aufgeworfen und neue Perspektiven eröffnet hat. Und auch mein persönliches sportliches Ziel ist wieder ein Stück näher gerückt.

Und trotzdem bleibt mir aus diesem Monat etwas anderes stärker im Gedächtnis als jeder erreichte Meilenstein.

Ich habe den Geburtstag meines Sohnes verpasst.

Man könnte diesen Satz relativieren, mit Dienst, mit Verantwortung oder gar mit Verpflichtungen. Vermutlich ließen sich sogar ziemlich gute Gründe dafür finden. Aber manchmal sollte man Dinge nicht relativieren. Mein Sohn hatte Geburtstag und ich war nicht da. Auch das gehört zur Bilanz dieses Monats.

Wir sprechen gern darüber, Verantwortung zu übernehmen. In Beruf und Dienst, im Ehrenamt, in Vereinen oder für unsere Gesellschaft. Und ich halte es weiterhin für richtig, Menschen dazu zu ermutigen. Eine Gesellschaft funktioniert nicht dauerhaft, wenn jeder nur fragt, was andere für ihn tun können.

Aber Engagement hat einen Preis.

Drei Kapitel dieses Jahres liegen noch vor mir. Ich freue mich darauf, sie zu schreiben.



Nils Wolk · Wo Entscheiden Folgen hat.

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