Die DDR existiert seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr. Ihre Fahnen sind verschwunden, ihre Institutionen Geschichte, ihre politische Sprache wirkt heute oft wie aus einer anderen Zeit. Aber verschwinden mit einem politischen System auch die Deutungsmuster, die es über Jahrzehnte geprägt und verbreitet hat? Genau diese unbequeme Frage stand im Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Vortrags bei meiner Hamburger Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. (Link ganz unten) von Mike Remig:
„Das Postkoloniale Narrativ oder wie die DDR-Propaganda der 60er bis heute unser Weltbild beeinflusst“.
Es wurde ein Abend, der historische Zusammenhänge sichtbar machte, vermeintliche Gewissheiten herausforderte und vor allem eines verlangte, selbst zu denken. Umso bedauerlicher, dass nicht deutlich mehr Menschen diese Gelegenheit genutzt haben. Denn wir diskutieren viel über Polarisierung, Desinformation und gesellschaftliche Spaltung. Orte, an denen man sich Zeit für Wissen, Kontext und Widerspruch nimmt, müssten eigentlich aus allen Nähten platzen.
Warum dieser Abend noch lange nachwirkt und weshalb Mike Remig einen bemerkenswerten Beitrag dazu geleistet hat, beschreibe ich Ihnen gern ausführlich.
Die DDR ist Geschichte. Aber sind es auch ihre Narrative?
Geschichte endet nicht an dem Tag, an dem ein Staat von der Landkarte verschwindet. Institutionen können aufgelöst, Grenzen geöffnet und politische Symbole aus dem öffentlichen Raum entfernt werden. Was bleibt, sind Erfahrungen, Begriffe und Deutungsmuster. Sie haben sich über Jahre oder Jahrzehnte in Köpfen festgesetzt, wurden gelehrt, wiederholt und weitergegeben. Manche verlieren schnell ihre Bedeutung. Andere verändern ihre Gestalt und tauchen später in Zusammenhängen auf, in denen ihre ursprüngliche Herkunft kaum noch jemand kennt. Genau an diesem Punkt setzte Mike Remig an. Er nahm uns mit in eine Zeit, in der die Auseinandersetzung zwischen Ost und West nicht allein mit Panzern, Raketen und Geheimdiensten geführt wurde. Der Kalte Krieg war auch ein Kampf um die Deutung der Welt. Gerade die jungen Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas wurden zu einem Schauplatz dieses Ringens. Die DDR präsentierte sich dabei konsequent als antikolonialistische und antiimperialistische Kraft und grenzte sich damit nicht nur von den ehemaligen europäischen Kolonialmächten, sondern vor allem von der Bundesrepublik und dem westlichen Bündnis ab.
Das war keine historische Randnotiz, sondern Teil politischer Strategie. Begriffe wie Imperialismus, Befreiung, Unterdrückung und Solidarität dienten nicht allein der Beschreibung internationaler Verhältnisse. Sie ordneten die Welt. Sie bestimmten, wer vermeintlich Täter und wer Opfer, wer Befreier und wer Unterdrücker sein sollte. Komplexe politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen konnten so in ein eingängiges Raster gebracht werden. Darin liegt die Macht eines Narrativs. Es muss die Wirklichkeit nicht vollständig erfinden. Es genügt, bestimmte Ausschnitte hervorzuheben, andere zurücktreten zu lassen und daraus eine Geschichte entstehen zu lassen, die plausibel genug erscheint, um unser Denken zu prägen.
Besonders interessant wurde der Vortrag dort, wo Remig die Brücke zur Gegenwart schlug. Denn natürlich wäre es viel zu einfach, heutige postkoloniale Ansätze pauschal zu einem späten Produkt der DDR-Propaganda zu erklären. Die Folgen des europäischen Kolonialismus sind historische Realität und verlangen eine ernsthafte Auseinandersetzung. Gerade deshalb lohnt jedoch die zweite Frage:
Welche Begriffe und Interpretationsmuster, mit denen wir heute über diese Vergangenheit sprechen, haben selbst eine Geschichte? Wer hat sie geprägt? In welchem politischen Zusammenhang entstanden sie? Und welche Interessen waren damit verbunden?
Es ging nicht darum, eine vermeintlich falsche Erzählung durch eine vermeintlich richtige zu ersetzen. Ein solches Vorgehen wäre nur die nächste Vereinfachung. Viel spannender ist es, die Herkunft unserer eigenen Gewissheiten zu untersuchen. Wer politische Narrative erkennen möchte, darf diese Fähigkeit schließlich nicht nur auf die Überzeugungen anderer anwenden. Er muss bereit sein, auch das eigene Weltbild auf den Prüfstand zu stellen. Das kann unbequem werden. Genau das ist der Grund, weshalb solche Vorträge wichtig sind. Geschichte liefert uns nicht nur Antworten auf die Frage, was früher geschehen ist. Sie hilft uns zu erkennen, warum wir Gegenwart heute auf eine bestimmte Weise betrachten.
Kontext schafft Wissen. Und manchmal beginnt Erkenntnis mit der irritierenden Frage, woher die eigenen Gewissheiten eigentlich stammen.
Mike Remig und die seltene Kunst, Zusammenhänge sichtbar zu machen
Ein anspruchsvolles Thema macht noch keinen guten Vortrag. Gerade dort, wo Geschichte, Politik und persönliche Überzeugungen aufeinandertreffen, kann aus einem Vortrag schnell eine Vorlesung werden oder, noch problematischer, eine Verkündung vermeintlicher Wahrheiten. Mike Remig gelang an diesem Abend etwas anderes. Er vermittelte nicht nur Wissen. Er stellte Zusammenhänge her, ordnete ein, provozierte an den richtigen Stellen und gab seinem Publikum damit etwas wesentlich Wertvolleres als fertige Antworten:
Stoff zum Weiterdenken.
Dabei kam ihm zugute, dass Remig nicht aus der Distanz über einen Kontinent und dessen Geschichte sprach, den er lediglich aus Büchern kennt. Seine langjährige Beschäftigung mit Afrika und Erfahrungen vor Ort verlieh seinen Ausführungen eine Tiefe, die sich nicht durch das Aneinanderreihen historischer Daten ersetzen lässt. Immer wieder wurde deutlich, wie sehr politische Begriffe ihre Bedeutung verändern können, wenn man sie aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Was aus europäischer Sicht eindeutig erscheint, kann aus afrikanischer Perspektive eine vollkommen andere Bedeutung besitzen. Und was heute selbstverständlich klingt, bekommt einen anderen Charakter, sobald man seine Entstehungsgeschichte kennt.
Diese Verbindung aus Sachkenntnis und klarer Position machte den Vortrag so bemerkenswert. Remig scheute sich nicht, Thesen zu formulieren, an denen man sich reiben konnte. Das ist ein Wert an sich. Denn ein guter Referent muss seinem Publikum nicht permanent bestätigen, was es ohnehin schon denkt. Im Gegenteil, im besten Fall verlässt man einen Vortrag mit mehr Fragen, als man gekommen ist, allerdings mit besseren Fragen. Genau das geschah an diesem Abend.
Bemerkenswert war dabei auch, dass die historische Betrachtung nicht zur bloßen Rückschau geriet. Die DDR, ihre Außenpolitik und ihre Propaganda waren Ausgangspunkte für eine wesentlich größere Frage.
Wie entstehen gesellschaftliche Deutungsmuster, wie werden sie weitergegeben und wann beginnen wir, sie für selbstverständlich zu halten?
Diese Frage betrifft nicht nur die Vergangenheit. Sie betrifft jeden von uns. Denn kein Mensch betrachtet die Welt vollkommen voraussetzungslos. Bildung bedeutet deshalb auch, die eigenen Voraussetzungen erstmal erkennen zu lernen.
Deshalb war es so bedauerlich, dass nicht noch wesentlich mehr Menschen diesen Vortrag erlebt haben. Wir sprechen heute häufig darüber, dass gesellschaftliche Debatten oberflächlicher, aggressiver und unversöhnlicher werden. Gleichzeitig verbringen wir unzählige Stunden mit kurzen Nachrichten, zugespitzten Posts und algorithmisch ausgewählten Informationshäppchen. Ein Abend, an dem jemand einen komplexen Gedanken entwickelt, historische Linien nachzeichnet und anschließend bereit ist, darüber zu diskutieren, wirkt daneben beinahe altmodisch. Und genau deswegen brauchen wir wieder mehr davon.
Mike Remig hat an diesem Abend gezeigt, was ein guter Vortrag leisten kann. Er muss nicht dafür sorgen, dass am Ende alle derselben Meinung sind. Er sollte dafür sorgen, dass niemand den Raum verlässt, ohne wenigstens einen eigenen Gedanken noch einmal überprüft zu haben.
Mehr kann man von politischer Bildung kaum verlangen. Und sehr viel weniger sollten wir von ihr auch nicht erwarten.
Demokratie beginnt manchmal damit, einfach hinzugehen
Demokratie lebt nicht allein von Wahlen, Parlamenten und Institutionen. Sie lebt auch davon, dass Menschen bereit sind, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die kompliziert sind, Zeit kosten und manchmal den eigenen Überzeugungen widersprechen. Dafür braucht es Referenten wie Mike Remig, die Wissen und Erfahrung zur Verfügung stellen. Es braucht Menschen, die solche Veranstaltungen organisieren, Räume schaffen und Diskussion ermöglichen. Vor allem aber braucht es Menschen, die diese Angebote annehmen, die kommen, zuhören, fragen und widersprechen.
Deshalb bleibt nach einem außergewöhnlichen Abend auch etwas Bedauern. Nicht darüber, wer da war, sondern darüber, wie viele nicht da waren. Denn politische Bildung kann nur wirken, wenn wir bereit sind, ihr unsere Zeit zu schenken. Gesellschaftliches Engagement beginnt manchmal erstaunlich unspektakulär. Man übernimmt Verantwortung. Man organisiert. Man beteiligt sich. Oder man entscheidet sich schlicht dafür, hinzugehen.
Vielleicht sollten wir genau das wieder häufiger tun.
Schlussgedanke
Man muss Mike Remigs Thesen nicht in jedem Punkt teilen. Das war auch nicht die Voraussetzung für einen gelungenen Abend. Entscheidend ist zu verstehen, bevor man urteilt. Wer wissen möchte, warum wir heute über Kolonialismus, Verantwortung und globale Ungleichheit so sprechen, wie wir es tun, muss auch fragen, woher unsere Begriffe und Deutungsmuster stammen. Geschichte erklärt nicht alles. Aber ohne Geschichte verstehen wir vieles nur halb.
Deshalb braucht eine offene Gesellschaft keine Menschen, die alle dasselbe denken. Sie braucht Menschen, die neugierig bleiben, Widerspruch aushalten und bereit sind, die eigenen Gewissheiten gelegentlich zu überprüfen.
Kontext schafft keine Haltung. Kontext schafft Wissen. Was wir daraus machen, bleibt unsere Verantwortung.
Nils Wolk · Wo Entscheiden Folgen hat.


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