Verantwortung zu übernehmen bedeutet auch, niemals zu glauben, man hätte ausgelernt.
Wer sich für sein Land engagiert, muss bereit sein, Zeit zu investieren, die eigene Perspektive immer wieder zu hinterfragen und von anderen zu lernen. Gerade in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik reicht es nicht, sich auf Erfahrungen der Vergangenheit zu verlassen. Die Herausforderungen verändern sich, technologisch, gesellschaftlich und geopolitisch. Und mit ihnen müssen sich auch diejenigen weiterentwickeln, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Meine Teilnahme am NATO Senior Reserve Officers Course an der NATO School Oberammergau verbindet deshalb für mich drei Dinge, die unmittelbar zusammengehören:
- den Dienst für das eigene Land,
- lebenslanges Lernen und
- den Austausch mit Menschen aus anderen Nationen.
Denn Bündnisfähigkeit entsteht nicht allein durch Strukturen, Pläne und Fähigkeiten. Sie entsteht auch durch Menschen, die einander kennenlernen, voneinander lernen und Vertrauen aufbauen.
Meine Eindrücke von der sich dem Ende neigenden Woche beschreibe ich im vollständigen Beitrag.
Verantwortung beginnt mit der Entscheidung, sich einzubringen
Es gibt viele gute Gründe, sich nicht zusätzlich zu engagieren. Der Beruf fordert Zeit. Die Familie braucht Aufmerksamkeit. Termine füllen die Wochen schneller, als einem lieb sein kann. Und irgendwo zwischen all diesen Verpflichtungen liegt die berechtigte Frage, warum man sich freiwillig noch mehr aufladen sollte. Gerade deshalb beginnt Verantwortung für mich nicht dort, wo sie bequem in den eigenen Kalender passt. Sie beginnt mit der täglichen und bewussten Entscheidung, einen Teil der eigenen Zeit, Erfahrung und Fähigkeiten für etwas einzusetzen, das mehr ist als der unmittelbare eigene Nutzen.
Der Dienst als Reservist gehört für mich dazu. Er ist kein Gegenentwurf zum zivilen Leben, sondern ergänzt es um eine andere Perspektive. Wer Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes übernimmt, erlebt sehr unmittelbar, dass ein funktionierender Staat keine Selbstverständlichkeit ist. Institutionen, Gesetze und Organisationen schaffen den Rahmen. Mit Leben gefüllt wird dieser Rahmen aber von den Menschen, die Verantwortung beruflich tragen, ebenso wie von denen, die sich freiwillig einbringen. Das gilt für die Bundeswehr genauso wie für Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Vereine und zahlreiche andere Bereiche unseres Gemeinwesens. Bei mir ist es nun mal die Bundeswehr.
Dabei geht es nicht darum, dass jeder denselben Weg gehen oder eine Uniform tragen sollte oder gar muss. Gesellschaftliches Engagement hat viele Gesichter. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Ein Gemeinwesen kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn Verantwortung immer bei „den anderen“ verortet wird. Demokratie und Sicherheit sind keine Dienstleistungen, die irgendwo produziert und anschließend konsumiert werden. Sie leben davon, dass Menschen bereit sind, ihren Teil entsprechend ihren Möglichkeiten, Fähigkeiten und Lebensumständen beizutragen. Für mich gehört dazu auch die Bereitschaft, Verantwortung nicht nur formal zu übernehmen, sondern sich auf sie vorzubereiten. Denn guter Wille allein genügt nicht. Wer Entscheidungen treffen, Menschen führen und in komplexen Situationen Orientierung geben soll, muss sein eigenes Wissen regelmäßig überprüfen und erweitern. Erfahrung ist wertvoll. Sie kann jedoch zum Hindernis werden, wenn aus ihr die Überzeugung entsteht, bereits alle relevanten Antworten zu kennen. Verantwortung verlangt deshalb auch die Bereitschaft, die eigenen Gewissheiten immer wieder infrage zu stellen.

Genau an diesem Punkt bekommt ein Lehrgang wie der NATO Senior Reserve Officers Course an der NATO School Oberammergau für mich ins Spiel. Es geht nicht darum, einen weiteren Lehrgang in seiner Vita vermerken zu können. Entscheidend ist die Gelegenheit, die eigene Erfahrung mit neuen Perspektiven zu konfrontieren und sich mit Menschen auszutauschen, die ähnliche Verantwortung unter teilweise völlig anderen nationalen, militärischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen tragen. Wer ausschließlich im eigenen System denkt, wird irgendwann auch nur noch die Lösungen sehen, die dieses System bereits kennt.
Gerade Reservisten bewegen sich regelmäßig zwischen unterschiedlichen Welten. Bei mir sind es Erfahrungen aus Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft, Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen, die auf militärische Strukturen und Denkweisen treffen. Umgekehrt wirken Erfahrungen aus Führung, Planung und Krisenbewältigung auch in das zivile Berufsleben hinein. Diese Verbindung ist keine Schwäche eines Reservistensystems. Richtig genutzt, ist bildet sie eine Symbiose und stellt eine große Stärke dar. Verantwortung bedeutet deshalb für mich mehr, als eine Funktion zu übernehmen oder für eine bestimmte Aufgabe zur Verfügung zu stehen. Sie bedeutet, sich einzubringen, wenn die eigenen Fähigkeiten gebraucht werden. Sie bedeutet aber ebenso, dafür zu sorgen, dass diese Fähigkeiten nicht auf dem Stand von gestern stehen bleiben. Wer bereit ist, Verantwortung zu tragen, sollte deshalb auch bereit sein, immer wieder Schüler zu werden und bim Kopf beweglich zu bleiben.
Es ist wichtig, sich nicht nur zu fragen, wo man gebraucht wird, sondern auch, was man selbst noch lernen muss, um dort tatsächlich einen Unterschied machen zu können.
Wer Verantwortung trägt, darf niemals aufhören zu lernen
Mit zunehmender Erfahrung verändert sich die Art, wie wir lernen. Am Anfang einer Laufbahn geht es häufig darum, Wissen aufzunehmen, Verfahren zu verstehen und sich ein solides Handwerkszeug anzueignen. Später verschiebt sich der Schwerpunkt. Dann besteht Lernen immer weniger darin, zusätzliche Antworten zu sammeln. Wichtiger wird die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen und bereit zu bleiben, bisherige Antworten infrage zu stellen. Gerade Menschen, die über Jahre Verantwortung getragen haben, müssen sich davor hüten, Erfahrung mit Unfehlbarkeit zu verwechseln.
Die Rahmenbedingungen verändern sich mit noch nicht dagewesener Geschwindigkeit. Technologische Entwicklungen, hybride Bedrohungen, Cyberangriffe, Desinformation, Künstliche Intelligenz und neue Formen militärischer Operationsführung verändern nicht nur einzelne Fähigkeiten. Sie verändern Zusammenhänge. Gleichzeitig zeigt sich, wie eng militärische Sicherheit inzwischen mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, resilienter Infrastruktur, gesellschaftlichem Zusammenhalt und technologischer Souveränität verbunden ist. Wer in diesem Umfeld Verantwortung übernimmt, kann sich deshalb nicht darauf verlassen, dass Erfahrungen aus der Vergangenheit automatisch die richtigen Antworten für die Zukunft liefern.
Der NATO Senior Reserve Officers Course an der NATO School Oberammergau bietet die Möglichkeit, von Fehlern und Erfahrungen anderer zu lernen und gemeinsam nach Lösungsansätzen zu suchen. Natürlich geht es um Strukturen, Prozesse und das gemeinsame Verständnis innerhalb des Bündnisses. Entscheidend ist für mich aber noch etwas anderes. Man verlässt für einige Tage die vertraute Umgebung des eigenen nationalen Systems. Plötzlich sitzt man mit Menschen zusammen, die vergleichbare Herausforderungen aus anderen Ländern, anderen Streitkräften und anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kennen. Was zu Hause selbstverständlich erscheint, muss erklärt werden. Und manchmal merkt man bereits beim Erklären, dass das vermeintlich Selbstverständliche keineswegs alternativlos ist.
Genau dieser Perspektivwechsel macht internationale Weiterbildung so wertvoll. Die entscheidende Frage lautet nicht, welches Land für jede Herausforderung die bessere Antwort gefunden hat. Viel interessanter ist, warum unterschiedliche Staaten zu unterschiedlichen Lösungen kommen und was sich daraus lernen lässt. Andere historische Erfahrungen, politische Kulturen, militärische Traditionen und gesellschaftliche Voraussetzungen prägen auch den Umgang mit Reserve, Verteidigungsbereitschaft und der Einbindung ziviler Fähigkeiten. Wer diese Unterschiede verstehen will, muss zunächst zuhören. Erst danach lohnt es sich, über Übertragbarkeit zu sprechen. Das verlangt eine Bereitschaft, die gerade mit wachsender Verantwortung wichtiger wird, intellektuelle Neugier. Ein Dienstgrad, eine Funktion oder viele Jahre Berufserfahrung dürfen niemals zu dem Gedanken verleiten, dass Lernen vor allem eine Aufgabe derjenigen sei, die am Anfang ihres Weges stehen. Das Gegenteil ist richtig. Je größer der eigene Verantwortungsbereich wird, desto größer können auch die Folgen falscher Annahmen sein. Weiterbildung ist dann keine Kür mehr und erst recht kein dekorativer Zusatz für den Lebenslauf. Sie wird Teil verantwortlichen Handelns.
Für Reservisten kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Sie bewegen sich zwischen militärischer und ziviler Welt und bringen Erfahrungen aus beiden Bereichen zusammen. Winston Churchill beschrieb es so:
“The reservist is twice the citizen”
Genau deshalb können sie Impulse aufnehmen, übertragen und miteinander verbinden, die in voneinander abgeschotteten Systemen möglicherweise nie aufeinandertreffen würden. Ein Gedanke aus einem internationalen militärischen Austausch kann eine zivile Fragestellung plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen. Umgekehrt können Erfahrungen aus Unternehmen, Verwaltung, Wissenschaft, Politik oder Technologie helfen, militärische Herausforderungen anders zu betrachten. Diese Wechselwirkung funktioniert allerdings nur, wenn Menschen bereit sind, ihre jeweilige Komfortzone zu verlassen.
Lebenslanges Lernen ist deshalb für mich mehr als ein wohlklingender Begriff aus Personalentwicklung und Sonntagsreden. Es ist die Bereitschaft, sich selbst immer wieder der Möglichkeit auszusetzen, dass jemand anderes einen Gedanken hat, den man noch nicht hatte, dass eine vertraute Annahme korrigiert werden muss oder dass eine Lösung, die im eigenen Umfeld selbstverständlich erscheint, von außen betrachtet erstaunlich kompliziert wirkt. Von solchen Lehrgängen kehrt man idealerweise nicht nur mit zusätzlichem Wissen zurück. Man kehrt mit neuen Fragen zurück. Und manchmal ist eine gute neue Frage für die eigene Weiterentwicklung wertvoller als zehn weitere Antworten.
Netzwerke müssen entstehen, bevor man sie braucht
Man kann Netzwerke sehr unterschiedlich, als möglichst umfangreiche Kontaktliste. als Sammlung von Visitenkarten, Namen und Funktionen oder als die Frage, wen man kennt und wer im entscheidenden Moment vielleicht eine Tür öffnen kann, verstehen. Das alles greift mir zu kurz. Ein belastbares Netzwerk zeigt seinen Wert nicht darin, wie viele Kontakte man gespeichert hat, sondern darin, wie viel Vertrauen zwischen Menschen entstanden ist. Und Vertrauen lässt sich nur schwer in dem Moment herstellen, in dem man es dringend benötigt.
Im internationalen sicherheitspolitischen Umfeld bekommt dieser Gedanke eine besondere Bedeutung. Die NATO ist zunächst ein Bündnis von Staaten. Sie verfügt über politische Gremien, militärische Strukturen, Kommandos, Verfahren und gemeinsame Planungen. Doch hinter all diesen Strukturen stehen Menschen. Sie müssen miteinander sprechen, Informationen einordnen, unterschiedliche Interessen verstehen, Entscheidungen vorbereiten und im Ernstfall unter erheblichem Zeitdruck gemeinsam handeln. Formale Strukturen schaffen dafür die Voraussetzungen. Persönliches Vertrauen kann dazu beitragen, dass diese Strukturen auch unter Belastung weiter funktionieren.
Ein Lehrgang wie der NATO Senior Reserve Officers Course an der NATO School Oberammergau schafft dafür einen besonderen Raum. Menschen aus vielen unterschiedlichen Nationen kommen für einige Tage zusammen, lernen miteinander, diskutieren und vergleichen ihre Erfahrungen. Dabei entstehen Gespräche, die sich nicht vollständig in Lehrplänen abbilden lassen. Wie gehen andere Streitkräfte mit bestimmten Herausforderungen um? Welche Rolle spielt die Reserve dort? Wo ähneln sich Probleme, obwohl die nationalen Systeme unterschiedlich aufgebaut sind? Und welche Lösungen funktionieren vielleicht gerade deshalb, weil ein anderes Land eine Fragestellung aus einer Perspektive betrachtet, die im eigenen System bisher kaum eine Rolle gespielt hat?
Man lernt also nicht nur andere Systeme kennen. Man beginnt auch, das eigene System mit anderen Augen zu betrachten. Internationale Vernetzung bedeutet deshalb nicht, nationale Besonderheiten aufzugeben oder Unterschiede einzuebnen. Im Gegenteil. Zusammenarbeit wird erst dann wirklich interessant, wenn unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten eingebracht werden können. Voraussetzung dafür ist allerdings die Bereitschaft, einander zuzuhören und verstehen zu wollen, warum das Gegenüber bestimmte Dinge anders bewertet oder organisiert. Für Reservisten ist diese Form der Vernetzung besonders spannend. Sie bewegen sich ohnehin an den Schnittstellen zwischen Bundeswehr und zivilem Berufsleben, zwischen militärischer Planung und gesellschaftlicher Realität und zwischen den Erfahrungen der Streitkräfte und denen aus Unternehmen, Verwaltung, Wissenschaft oder anderen Bereichen. Kommt die internationale Dimension hinzu, entsteht eine weitere Verbindungsebene. Erfahrungen können damit nicht nur zwischen militärischer und ziviler Welt, sondern auch über nationale Grenzen hinweg weitergegeben werden.
Das ist gerade in einer Zeit von Bedeutung, in der Sicherheit wieder stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden muss. Kein einzelner Akteur besitzt sämtliche Fähigkeiten, die für die Bewältigung komplexer Krisen notwendig sind. Streitkräfte brauchen leistungsfähige zivile Infrastruktur. Staatliche Institutionen sind auf Wirtschaft, Wissenschaft und technologische Kompetenz angewiesen. Internationale Bündnisse wiederum funktionieren nur, wenn nationale Fähigkeiten ineinandergreifen. Die entscheidenden Schnittstellen liegen deshalb häufig dort, wo Menschen verschiedene Bereiche miteinander verbinden können.
Genau deshalb halte ich es auch für falsch, Networking als angenehmen Nebeneffekt solcher Lehrgänge abzutun. Richtig verstanden ist es Teil des Lernens. Ein Gespräch mit einem Offizier aus einem anderen NATO- oder Partnerstaat kann einen Gedanken unerwarteten auslösen. Aus einem fachlichen Austausch kann später ein belastbarer Kontakt werden. Und aus vielen solchen Kontakten entsteht über Jahre etwas, das sich nicht kurzfristig anordnen lässt.
Es entsteht gegenseitiges Verständnis.
Dabei darf internationales Networking nie zum Selbstzweck werden. Ein Netzwerk ist nur so wertvoll wie das, was seine Mitglieder bereit sind einzubringen. Wer ausschließlich fragt, welchen persönlichen Vorteil ein Kontakt bringen könnte, hat den Kern nicht verstanden. Wirkliche Netzwerke beruhen auf Gegenseitigkeit. Man teilt Erfahrungen, öffnet Zugänge, vermittelt Wissen und bringt Menschen zusammen, wenn daraus etwas Sinnvolles entstehen kann. Nicht jeder Kontakt muss unmittelbar zu einem Ergebnis führen. Manche Verbindungen entfalten ihren Wert erst Jahre später.
NATO: Zusammenarbeit beginnt lange vor dem Moment, in dem sie unverzichtbar wird. Gemeinsame Verfahren kann man festlegen. Strukturen kann man schaffen. Fähigkeiten kann man planen und üben. Aber Vertrauen dagegen braucht Zeit.
Deshalb sollte internationale Vernetzung nicht erst beginnen, wenn eine Krise bereits vor der Tür steht. Man muss miteinander gesprochen haben, bevor der Druck entsteht. Man sollte unterschiedliche Sichtweisen kennengelernt haben, bevor schnelle Entscheidungen erforderlich werden. Und man sollte möglichst wissen, wem man vertrauen kann, bevor Vertrauen zu einer knappen Ressource wird.
Die Telefonnummer, die man in einer Krise braucht, sollte man nicht erst in der Krise suchen müssen.
Schlussgedanke: Verantwortung ist kein Zustand, sondern eine Entscheidung
Am Ende eines solchen Lehrgangs bleiben Wissen, neue Perspektiven und Kontakte. Für mich aber bleibt, jetzt wo sich der Lehrgang seinem Ende neigt, vor allem eine Frage:
Was machen wir daraus?
Denn Weiterbildung besitzt keinen besonderen Wert, nur weil sie stattgefunden hat. Ein Netzwerk ist noch keine Leistung, nur weil es existiert. Und auch Verantwortung erschöpft sich nicht in einer Funktion oder einer Position. Entscheidend ist, was wir mit unseren so neu gewonnenen Möglichkeiten anfangen.
Sich für das eigene Land einzusetzen, kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Nicht jeder muss Reservist werden. Nicht jeder muss sich sicherheitspolitisch engagieren oder eine Führungsaufgabe übernehmen. Verantwortung beginnt in einem Ehrenamt, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein, in einer Hilfsorganisation, in der Kommunalpolitik, in der Nachbarschaft oder schlicht dort, wo jemand bereit ist, mehr zu tun, als unbedingt von ihm verlangt wird. Sie beginnt also schon viel früher. Ein starkes Gemeinwesen entsteht nicht durch einige wenige Menschen, die besonders viel leisten. Es entsteht durch viele Menschen, die sich an ganz unterschiedlichen Stellen verantwortlich fühlen.
Vielleicht sollten wir deshalb häufiger darüber sprechen, was wir unserem Land, oder nennen wir es unserer Gesellschaft, geben können, statt ausschließlich darüber, was wir von ihm oder ihr erwarten. Das bedeutet nicht, staatliche Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen. Ein leistungsfähiger Staat muss seine Aufgaben erfüllen. Aber selbst der beste Staat kann gesellschaftlichen Zusammenhalt, gegenseitiges Vertrauen und persönliches Engagement nicht verordnen. Diese Dinge entstehen zwischen Menschen. Die entstehen immer dort, wo jemand den ersten Schritt macht.
Für mich gehört dazu auch die Bereitschaft, weiter zu lernen. Wer sich engagiert, sollte nicht irgendwann glauben, nun genug getan oder genug verstanden zu haben. Und auch ein Enddienstgrad entschuldigt nicht, wenn man das weitere Lernen verweigert. Neue Aufgaben verlangen neues Wissen. Andere Menschen eröffnen andere Perspektiven. Internationale Begegnungen zeigen, wie unterschiedlich Lösungen aussehen können und manchmal auch, wie ähnlich die Herausforderungen sind, vor denen wir stehen. Gerade deshalb gehören Verantwortung, Weiterbildung und Vernetzung für mich zusammen.
Der NATO Senior Reserve Officers Course war für mich eine weitere Gelegenheit, genau diese drei Dinge miteinander zu verbinden. Nicht als Abschluss eines Weges, sondern als weiterer Schritt. Denn Verantwortung hat für mich keinen Endpunkt. Mit jeder neuen Erfahrung stellt sich vielmehr erneut die Frage, was man mit ihr anfangen kann und wo sie anderen nutzen könnte. Ich bin noch lange nicht am Ende meines Weges.
Das führt mich zu einer Frage:
Wo kann ich mich mit meinen Erfahrungen, meinen Fähigkeiten und meiner Zeit, nicht weil ich es muss, sondern weil es einen Unterschied machen könnte, einbringen?
Wenn sich mehr Menschen diese Frage stellen und anschließend tatsächlich handeln, gewinnt am Ende nicht der Einzelne.
Dann gewinnt unsere Gesellschaft, unser Land
Nils Wolk · Wo Entscheiden Folgen hat.


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