Mit Freude Verantwortung tragen – Mein Weg zum Oberst der Reserve

Ein Moment der Freude und des Innehaltens

Als mir die Beförderung zum Oberst der Reserve mitgeteilt wurde, war meine erstes Gefühl nicht: „Na endlich!“ Mein erstes Empfinden war echte Freude – verbunden mit Dankbarkeit und einem kurzen Moment des Innehaltens. Freude darüber, dass ein langer Weg gesehen und anerkannt wurde. Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die mich begleitet, gefordert und gefördert und mich geprägt haben. Und Innehalten, weil dieser Schritt mehr ist als ein neuer Dienstgrad.

Die Beförderung ist für mich nicht nur ein persönlicher Triumph, sondern ein Zeichen des Vertrauens. Vertrauen in Erfahrung, Urteilsfähigkeit und Haltung. Vertrauen darin, auch in komplexen Lagen Verantwortung zu übernehmen – nicht nur militärisch, sondern im Spannungsfeld von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und internationaler Zusammenarbeit.

Der Termin im Büro des Inspekteurs Cyber- und Informationsraum Vizeadmiral Dr. Thomas Daum in der vergangenen Woche strahlte viel Wertschätzung wider und beinhaltete einen intensiven Austausch.

Gerade als Reservist ist ein solcher Moment besonders – nicht nur, weil nur ein geringer einstelliger Prozentsatz der Reserve es bis in den Spitzendienstgrad Oberst schafft. Für mich ist diese Beförderung zum jetzigen Zeitpunkt in doppelter Hinsicht besonders, weil er in der Regel erst im Alter von mindestens 50 verliehen wird. Für mich im Alter von 45 eine besondere Auszeichnung. Die Reserve war für mich nie ein Nebenweg, sondern ein ganz bewusst gewählter Dienst an der Schnittstelle von Bundeswehr und ziviler Gesellschaft. Dort, wo unterschiedliche Sichtweisen und Sprachen oft zu Missverständnissen führen. Oberst der Reserve zu sein bedeutet für mich, gerade in der jetzigen sicherheitspolitischen Situation, diese Mittlerfunktion mit noch größerer Klarheit, Ernsthaftigkeit – und ja, auch mit Freude – auszufüllen.

Die Reserve als bewusste Entscheidung

Meine Laufbahn in der Reserve war nie ein bloßes „Dabeisein“. Sie war von Anfang an eine bewusste Entscheidung, Verantwortung übernehmen zu wollen. Die Reserve vereint für mich militärische Professionalität mit ziviler Lebenserfahrung. Genau darin liegt ihre Stärke. Sie bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen und erweitert den Blick auf Sicherheit, Verteidigung und gesellschaftliche Resilienz.

Als Reserveoffizier habe ich stets erlebt, wie wertvoll dieser Perspektivwechsel ist. Wer tagsüber in Unternehmen, Organisationen oder politischen Kontexten Verantwortung trägt und zugleich militärisch denkt, handelt anders. Er handelt pragmatischer, vernetzter und oft auch lösungsorientierter.

Die Beförderung zum Oberst der Reserve empfinde ich deshalb auch als Anerkennung dieses Verständnisses: dass militärische Führung heute nicht isoliert gedacht werden kann. Sie muss anschlussfähig sein, erklärbar und dialogfähig. Und sie muss sich ihrer Wirkung über die Uniform hinaus bewusst sein.

Transformation als persönlicher Antrieb

Transformation begleitet mich seit vielen Jahren – nicht als Modewort, sondern als Realität. Sie begleitet mich in der Bundeswehr, in Organisationen, in gesellschaftlichen Debatten und ja, auch bei mir selbst. Ich will jeden Tag etwas dazulernen. So ist Veränderung der Normalzustand und Stillstand keine Option.

Die Bundeswehr befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Die ausgerufene Zeitenwende ist, so sie kein teurer Fehlschlag werden soll, kein einmaliges Ereignis, sondern ein dauerhafter Prozess, der Führung, Klarheit und Durchhaltevermögen verlangt. Transformation gelingt nicht durch Strukturen allein, sondern durch Menschen, die bereit sind, unter Unsicherheit Verantwortung zu übernehmen und Veränderung mitzutragen.

Transformation ist immer eine Führungsaufgabe. Sie bedeutet, Orientierung zu geben, ohne einfache Antworten zu versprechen, sie bedeutet, zuzuhören, zu erklären und auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Ich möchte dazu beitragen, Veränderung nicht nur zu verwalten, sondern aktiv mitzugestalten – mit gesundem Menschenverstand und Augenmaß.

Interkulturelle Kompetenz als Schlüssel moderner Sicherheit

Ein weiterer Kern meines Wirkens ist die interkulturelle Kompetenz. Moderne Sicherheitspolitik ist international. Sie lebt von Bündnissen, Partnerschaften und Kooperationen. Diese funktionieren nur dann, wenn man mehr versteht als Dienstvorschriften und Strukturen – nämlich Menschen, Kulturen und Denkweisen.

Meine Erfahrungen in internationalen Kontexten haben mir immer wieder gezeigt, wie schnell Missverständnisse entstehen können – und wie wertvoll echtes Interesse am Gegenüber ist. Interkulturelle Kompetenz ist keine „weiche“ Fähigkeit. Sie ist eine operative Schlüsselqualifikation. Sie entscheidet über Vertrauen oder Misstrauen, über Zusammenarbeit oder Blockade und somit über Erfolg oder Misserfolg.

Ich sehe es als meine Aufgabe, dieses Verständnis weiterzugeben. In Gesprächen, in der Ausbildung und in sicherheitspolitischen Formaten. Wer führen will, muss verstehen – und wer verstanden werden will, muss erklären können.

Resilienz: Mehr als Widerstandskraft

Resilienz ist eines der Themen, die mich persönlich und professionell am stärksten beschäftigen. Resilienz bedeutet für mich nicht, Krisen einfach zu überleben. Sie bedeutet, handlungsfähig zu bleiben, sich anzupassen und aus Belastungen zu lernen – individuell, organisatorisch und gesellschaftlich.

Für Streitkräfte ist Resilienz essenziell. Aber sie endet nicht am Kasernentor. Eine resiliente Bundeswehr braucht eine resiliente Wirtschaft und auch eine resiliente Gesellschaft. Menschen, die Verantwortung übernehmen, informiert sind und bereit sind, auch unbequeme Realitäten anzuerkennen.

Mein Engagement für Resilienz entspringt der Überzeugung, dass Sicherheit ganzheitlich gedacht werden muss. Militärische Stärke, gesellschaftlicher Zusammenhalt und persönliche Haltung gehören zusammen. Die Reserve kann hier eine Schlüsselrolle spielen – als Bindeglied, als Übersetzer, als Vorbild.

Dankbarkeit, Auftrag und Blick nach vorn

Am Ende überwiegt bei mir vor allem eines: Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber Kameradinnen und Kameraden, Vorgesetzten, Wegbegleitern und meiner Familie. Ohne Unterstützung, Vertrauen und manchmal auch kritische Worte wäre dieser Weg nicht möglich gewesen.

Die Beförderung zum Oberst der Reserve ist für mich kein Endpunkt. Sie ist ein Auftrag – ein Auftrag, Verantwortung weiter anzunehmen, Debatten mitzugestalten und Rückgrat zu zeigen – gerade in unsicheren Zeiten. Freude und Ernst schließen sich dabei nicht aus. Im Gegenteil: Freude ist oft die Voraussetzung dafür, Verantwortung langfristig tragen zu können.

Ich gehe diesen nächsten Abschnitt mit Respekt, mit Motivation und mit Freude. Und mit der festen Überzeugung, dass Führung, Transformation, interkulturelle Kompetenz und Resilienz keine Schlagworte sind, sondern tägliche Arbeit – im Dienst unserer Sicherheit und unserer Gesellschaft.

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