GSP Bundesversammlung 2026

Gesamtverteidigung beginnt nicht im Verteidigungsministerium, sondern bei uns selbst

Wer an Deutschlands Sicherheit denkt, denkt häufig an Soldaten, Panzer, Flugzeuge oder Ministerien. Doch die Krisen der vergangenen Jahre haben eine unbequeme Wahrheit offengelegt: Die größte Stärke eines Landes entsteht nicht allein durch seine Streitkräfte. Sie entsteht durch die Widerstandsfähigkeit seiner Gesellschaft. Und erst die Widerstandsfähigkeit seiner Bevölkerung versetzt den Staat erst in die Lage, Deutschland sicher zu machen. Diese Tatsache, auf den ich seit nunmehr über vier Jahren mit Verweis auf Finnland und das Baltikum an jeder möglichen Stelle hinweise, findet auch allmählich Eingang in politische Kreise, die sie als Neuigkeit entdecken.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine, Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur, Desinformationskampagnen, Sabotageakte, Energiekrisen und Naturkatastrophen haben gezeigt, dass moderne Bedrohungen längst nicht mehr nur auf dem Gefechtsfeld stattfinden. Sie treffen Unternehmen, Kommunen, Schulen, Vereine und Familien. Sie richten sich gegen unseren Alltag und unsere Fähigkeit, auch unter Belastung handlungsfähig zu bleiben. Genau deshalb gewinnt ein Begriff wieder an Bedeutung, der lange Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden war: Gesamtverteidigung.

Auf der Bundesversammlung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. in Erfurt steht dieses Thema nicht zufällig im Mittelpunkt. Hinter dem Begriff verbirgt sich weit mehr als ein sicherheitspolitisches Konzept. Er beschreibt die zentrale Frage unserer Zeit: Wie schaffen wir es, Deutschland als Gesellschaft widerstandsfähig zu machen? Die Antwort darauf wird weder allein in Berlin noch in militärischen Hauptquartieren gefunden werden. Sie entsteht in Unternehmen, Kommunen, Hilfsorganisationen, Vereinen und Bildungseinrichtungen. Und sie entsteht überall dort, wo Bürger bereit sind, einen Beitrag für das Gemeinwesen zu leisten. Wer über Sicherheit spricht, spricht deshalb immer auch über Zusammenhalt, Verantwortung und Engagement. Genau darüber möchte ich in diesem Beitrag nachdenken.

Die gefährlichste Illusion unserer Zeit: Sicherheit sei Sache anderer

Über Jahrzehnte haben wir uns in Deutschland fälschlich eine Annahme geleistet, die uns heute zunehmend auf die Füße fällt. Es ist die Vorstellung, Sicherheit sei vor allem Aufgabe des Staates, also dass Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr, Behörden und Hilfsorganisationen schon sich im Ernstfall kümmern würden. Die meisten Bürger müssten sich in diesem Szenario darüber kaum Gedanken machen. Diese Arbeitsteilung funktionierte lange Zeit erstaunlich gut und wurde zu einem selbstverständlichen Bestandteil unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses.

Doch die Welt hat sich verändert. Moderne, konkrete Bedrohungen erscheinen selten mit Vorwarnung und noch seltener in einer Form, die eindeutig zu erkennen ist. Ein Cyberangriff auf ein Krankenhaus, Sabotage an kritischer Infrastruktur, gezielte Desinformation in sozialen Medien oder ein großflächiger Stromausfall treffen nicht nur staatliche Stellen. Sie treffen die gesamte Gesellschaft. Sie betreffen Unternehmen, Familien, Vereine, Schulen und Kommunen gleichermaßen. Die Frage lautet dann nicht mehr, was der Staat tut. Die Frage lautet, wie widerstandsfähig die Gesellschaft selbst ist und wie sie in der Lage ist, damit umzugehen.

Sicherheit kann nicht länger ausschließlich konsumiert werden. Sie muss mitinitiiert werden. Eine Gesellschaft bleibt nicht deshalb stabil, weil ihre Institutionen perfekt funktionieren. Sie bleibt stabil, weil genügend Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn Belastungen auftreten. Die Fähigkeit eines Landes, Krisen zu bewältigen, hängt deshalb unmittelbar vom Verantwortungsbewusstsein seiner Bürger ab. Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik greift mit ihrem Projekt zur Gesamtverteidigung diesen Gedanken auf. Dabei geht es nicht um Alarmismus und auch nicht um die Militarisierung des Alltags. Es geht um die nüchterne Erkenntnis, dass Sicherheit heute viele Dimensionen besitzt. Militärische Verteidigung bleibt unverzichtbar. Gleichzeitig entscheiden aber auch wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Informationskompetenz, Katastrophenschutz und die Funktionsfähigkeit demokratischer Institutionen darüber, wie resilient ein Land tatsächlich ist.

Wer Verantwortung ausschließlich an andere delegiert, macht sich abhängig von deren Leistungsfähigkeit. Wer dagegen selbst Verantwortung übernimmt, erhöht die Widerstandskraft des gesamten Gemeinwesens. Genau deshalb beginnt Gesamtverteidigung nicht an der Staatsgrenze und auch nicht in einem Ministerium. Sie beginnt in den Köpfen der Menschen. Sie beginnt dort, wo Bürger erkennen, dass Freiheit, Sicherheit und Stabilität keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Ergebnisse gemeinsamen Handelns. Die Frage lautet also nicht, ob Deutschland über ausreichend engagierte Institutionen verfügt. Sie lautet, ob genügend Menschen bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Denn am Ende entscheidet nicht allein die Stärke staatlicher Strukturen über die Zukunft unseres Landes, sondern die Haltung seiner Bürger.

Verantwortung statt Zuschauerrolle

Wenn Sicherheit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie eine resiliente Gesellschaft eigentlich aussieht. Die Antwort ist bemerkenswert einfach. Sie besteht aus Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne dazu verpflichtet werden zu müssen. Resilienz entsteht nicht durch Verordnungen. Sie entsteht durch innere Haltung.

In den vergangenen Jahren konnten wir immer wieder beobachten, wie stark Deutschland sein kann, wenn Menschen bereit sind, über ihre eigentlichen Zuständigkeiten hinauszuwachsen. Ehrenamtliche Helfer bei Hochwassern, Angehörige von Hilfsorganisationen im Katastrophenschutz, Reservistinnen und Reservisten, die ihre Fähigkeiten in den Dienst des Landes stellen, Unternehmer, die in Krisenzeiten Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen, Lehrer, die Orientierung vermitteln, oder Vereinsvorstände, die Gemeinschaft stiften. Sie alle tragen dazu bei, dass unsere Gesellschaft auch unter Belastung handlungsfähig bleibt. Deshalb greift der Begriff Gesamtverteidigung deutlich weiter als viele zunächst vermuten. Er beschreibt nicht allein die Fähigkeit eines Staates, sich gegen äußere Angriffe zu verteidigen. Er beschreibt, unideologisch gedacht, die Fähigkeit einer Gesellschaft, Krisen zu bewältigen, ohne ihre Handlungsfähigkeit, ihren Zusammenhalt und ihre demokratischen Grundwerte zu verlieren. Militärische Stärke bleibt dabei unverzichtbar. Doch sie allein genügt nicht. Ein modernes Gemeinwesen benötigt ebenso belastbare Unternehmen, funktionierende Kommunen, engagierte Vereine, leistungsfähige Bildungseinrichtungen und Bürger, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Und jeder, der nicht dazu bereit ist, sich im Rahmen seiner individuellen Fähigkeiten einzubringen schwächt das Gesamtsystem.

Eine resiliente Gesellschaft erkennt man daran, dass sie Herausforderungen nicht allein an Institutionen delegiert. Sie erkennt sie daran, dass Menschen bereit sind, selbst Teil der Lösung zu werden. Dort, wo Bürger Verantwortung übernehmen, entsteht Vertrauen. Dort, wo Vertrauen entsteht, wächst Zusammenhalt. Und dort, wo Zusammenhalt wächst, entsteht die Widerstandskraft, die Deutschland in einer zunehmend unsicheren Welt dringend benötigt.

Die Zukunft Deutschlands entscheidet sich vor Ort

Wenn über die Zukunft Deutschlands diskutiert wird, richten sich die Blicke häufig nach Berlin, Brüssel oder auf internationale Gipfeltreffen. Dort werden wichtige Entscheidungen getroffen, dort werden Strategien entwickelt und Rahmenbedingungen geschaffen. Doch vieles bleibt auf einem abstrakten Level und die eigentliche Stärke eines Landes entsteht an einem anderen Ort. Sie entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft leben und Herausforderungen konkret bewältigen. Die Zukunft Deutschlands entscheidet sich letztlich vor Ort.

Jede Gesellschaft besitzt zwei Arten von Stabilität. Die erste wird durch Gesetze, Institutionen und staatliche Strukturen geschaffen. Die zweite entsteht durch Menschen. Durch Bürger, die sich engagieren. Durch Unternehmer, die Verantwortung tragen. Durch Ehrenamtliche, die ihre Zeit investieren. Durch Reservisten, Feuerwehrleute, Angehörige von Hilfsorganisationen, Kommunalpolitiker, Vereinsvorstände und viele andere, die häufig fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit ihren Beitrag leisten. Gerade diese zweite Form der Stabilität wird oft unterschätzt, obwohl sie in Krisenzeiten den entscheidenden Unterschied ausmachen kann.

Gesamtverteidigung bedeutet deshalb nicht nur Vorbereitung auf Bedrohungen. Sie bedeutet vor allem die bewusste Stärkung jener Kräfte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Eine resiliente Nation entsteht nicht erst dann, wenn eine Krise eintritt. Sie entsteht lange davor. Sie entsteht durch Bildung, durch Verantwortungsbewusstsein, durch Vertrauen, durch Gemeinschaft und durch die Bereitschaft, sich einzubringen oder auch in die Bresche zu springen, wenn ein andere wegbricht. Wer erst im Ernstfall beginnt, über Resilienz nachzudenken, hat bereits wertvolle Zeit verloren. Es geht um die grundsätzliche Erkenntnis, dass Freiheit und Sicherheit keine Dienstleistungen sind, die der Staat seinen Bürgern einfach bereitstellt. Sie sind Gemeinschaftsaufgaben. Sie leben davon, dass Menschen bereit sind, ihren Teil dazu beizutragen. Für jeden Einzelnen bedeutet das etwas anderes. Der eine engagiert sich im Ehrenamt. Die andere übernimmt Verantwortung in einem Verein. Wieder andere bringen ihre Erfahrung in Hilfsorganisationen, Kommunalpolitik, Wirtschaft oder den Reservistendienst ein. Entscheidend ist nicht die Form des Engagements. Entscheidend ist die Bereitschaft, überhaupt Verantwortung zu übernehmen. Eine Gesellschaft wird nicht dadurch stark, dass alle dasselbe tun. Sie wird stark, wenn viele Menschen ihren jeweiligen Beitrag leisten und im richtigen Moment wissen, wo ihr Platz ist.

Die Herausforderungen werden nicht kleiner werden. Die geopolitische Lage bleibt angespannt. Technologische Entwicklungen beschleunigen sich. Hybride Bedrohungen werden weiter zunehmen. Gleichzeitig besitzt Deutschland eine unterschätzte Stärke. Wir sind Millionen Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie erkennen, dass ihr Engagement gebraucht wird.

Die Zukunft unseres Landes wird deshalb nicht allein in Ministerien, Parlamenten oder Hauptquartieren entschieden. Sie wird dort entschieden, wo wir Menschen Verantwortung nicht als Last verstehen, sondern als Möglichkeit, etwas zu bewirken. Dort, wo Engagement auf Haltung trifft. Dort, wo Gemeinschaft stärker ist als Gleichgültigkeit. Und dort, wo Bürger erkennen, dass Resilienz nicht von oben verordnet werden kann, sondern von unten nach oben wachsen muss.

Wer sich für die Gesellschaft engagiert, verändert vielleicht nicht die ganze Welt. Aber er stärkt genau das Fundament, auf dem eine freie, sichere und widerstandsfähige Gesellschaft aufbaut. Und genau damit beginnt jede Form von Gesamtverteidigung.

Schlussgedanke

Die großen Herausforderungen unserer Zeit werden nicht durch staatliche Institutionen allein bewältigt werden können. Sie werden durch Menschen bewältigt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Gesamtverteidigung ist deshalb weit mehr als ein sicherheitspolitisches Konzept. Sie ist Ausdruck einer Haltung, die Freiheit nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet. Einer Haltung, die Verantwortung nicht delegiert. Und einer Haltung, die erkennt, dass die Stärke eines Landes letztlich von der Stärke seiner Bürger abhängt.

Deutschland verfügt über die Voraussetzungen, auch künftige Krisen erfolgreich zu meistern und sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Entscheidend wird sein, ob wir bereit sind, diese Stärke gemeinsam zu entfalten. Und das nicht erst dann, wenn Herausforderungen vor unserer Tür stehen, sondern bereits heute.

Denn Sicherheit beginnt bei jedem einzelnen von uns.



Nils Wolk · Wo Entscheiden Folgen hat.

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